Leseprobe

 

Die Magie der Rache

 

Überlass es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,

Bist du tiefsten Herzens empört,

Bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit,

Berühr es nicht, überlass es der Zeit.

 

Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,

Am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten,

Am dritten hast du's überwunden,

Alles ist wichtig nur auf Stunden,

Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,

Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

 

Theodor Fontane

(1819 - 1898)

 

Prolog

 

Es war der 20. Juli

 

Die frischen Bäckerbrötchen, die Leonie vor fünf Minuten bei ihrem Lieblingsbäcker gekauft hatte und die nun neben ihr auf dem Beifahrersitz ihres Jeeps lagen, verströmten ihren köstlichen Duft im gesamten Auto. Ihr Appetit auf das Frühstück wuchs mit jeder Minute. Sie freute sich allerdings nicht nur auf das Frühstück, sondern auch auf Hanna, die sie inzwischen sehr lieb gewonnen hatte und die ihr etwas ganz Wichtiges offenbaren wollte. Leonie spürte förmlich, dass etwas in der Luft lag. Eine innere Erregung ließ sie leicht zittern. So gespannt war sie auf das, was Hanna ihr heute mitteilen wollte.

Sie fuhr zu der kleinen, sehr gepflegten Vorstadtsiedlung, parkte ihr Auto, stieg aus und öffnete die hintere Tür, um Lumpi, ihren kleinen vierbeinigen Begleiter rausspringen zu lassen. Gemeinsam liefen sie zügig auf das wunderschöne Einfamilienhaus zu. Es gab einfach Häuser, die sofort ein „Zuhausegefühl“ erzeugten, dachte Leonie. Was aber wahrscheinlich nicht am Haus selbst lag, sondern an den Menschen, die es erbauten, einrichteten oder in ihnen wohnten und ihnen mit ihrer herzlichen Ausstrahlung diese gewisse vertraute Harmonie verliehen.

Jeder Besuch in diesem Haus war bisher angenehm oder seltsam aufregend gewesen. Dieses Mal sollte es völlig anders sein.

Sie öffnete die kleine Gartenpforte und schritt durch einen liebevoll angelegten Garten, vorbei an bunten Ziersträuchern und einem kleinen Blumenmeer. Der Vorgarten beherbergte eine Menge hübscher kleiner Details, eine verspielte steinerne Vogeltränke, große, runde, weiß gefärbte Ziersteine entlang eines verschlungen angelegten Weges oder bunte Glaskugeln, die zwischen den Pflanzen glitzerten. Trotzdem wirkte das Ganze nicht kitschig oder überladen.

Leonie blieb kurz stehen und atmete tief den sommerlichen Duft ein. Da es früh am Morgen war, roch alles noch so frisch und unberührt.

Als sie sich der Haustür näherte, sah sie mit leichter Verwunderung, dass diese nur angelehnt war. Dem anfänglichen Erstaunen wich urplötzlich ein Gefühl ungeahnten Unwohlseins. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Den Impuls, nach Hanna rufen zu wollen, unterdrückte sie instinktiv und schob sich stattdessen vorsichtig durch den Türspalt. Zuvor forderte sie Lumpi mit einer Handbewegung auf, Sitz zu machen. Glücklicherweise kam der brave Hund diesem Befehl sofort nach. Die bei jeder Bewegung raschelnde Tüte mit den Brötchen legte Leonie so lautlos wie möglich neben Lumpi auf den Boden. Interessiert beschnüffelte der Vierbeiner das duftende Päckchen.

Im Inneren des Hauses streifte Leonie eine leichte Rauchwolke, Zigarettenrauch, eine spezielle Sorte, die sie schon einmal gerochen hatte und zwar in einer bedrohlichen Situation. Vor ihrem inneren Auge sah sie ein Messer aufblitzen …. Gefahr, das war es was Leonie auch jetzt spürte, ja fast körperlich wahrnahm.

Sie könnte jetzt einfach wieder nach draußen schleichen, sich in Sicherheit begeben und Alexander oder Martin Hase anrufen. Aber die Sorge um Hanna ließ sie ihre Angst überwinden. Fast lautlos schlich sie weiter. Aus Richtung Küche vernahm sie Geräusche, Schubfächer wurden aufgezogen, Schranktüren geöffnet und geschlossen und eine Männerstimme fluchte leise vor sich hin. Ohne groß nachzudenken, schritt Leonie auf die Küche zu und stand plötzlich in der Tür. Sie sah einen, ihr unbekannten Mann, der angestrengt nach etwas suchte und über ihr Erscheinen vollkommen erschrocken war.

Als erstes dachte Leonie an einen Einbruch und fragte aufgeregt, wer er sei, was er hier suche und wo Hanna wäre. Daraufhin blickte er, eher unbeabsichtigt, in Richtung Wohnzimmer. Von der Situation noch absolut überrascht, war er für Sekunden unfähig, seine Handlungen zu kontrollieren. Leonie folgte seinem Blick, konnte Hanna aber nicht entdecken und auch nichts hören. Das machte ihr Angst.

„Ich habe nichts gemacht“, sagte der Mann hastig. „Aber das wird mir jetzt, wo Sie hier aufgetaucht sind, wohl niemand mehr glauben“, stellte er mehr für sich selbst fest. Man sah ihm an, wie er überlegte, aus dieser Situation heil rauszukommen, und man sah ihm an, dass er einen Entschluss gefasst hatte. Jedenfalls sah es Leonie. Sie konnte es in seinen Augen erkennen. Ich bin tot, dachte sie. Die Körperhaltung des Mannes änderte sich bedächtig, ähnlich wie ein Raubtier, was zum Sprung auf seine Beute ansetzen wollte, wie in Zeitlupe. Zumindest kam es Leonie so vor. Instinktiv griff sie nach einer neben ihr auf der Arbeitsplatte stehenden Deko-Glasschale, in der sich feiner Ostseesand und Muscheln befanden, und schleuderte ihrem Gegenüber den Inhalt ins Gesicht. Das verschaffte ihr ein kleines Zeitfenster, um aus dem Haus zu stürzen. Er stürmte hinter ihr her. Doch bevor er sich auf sie stürzen konnte, machte sie einen Sprung zur Haustür raus und schrie, was ihre Stimmbänder hergaben. Sie befand sich schließlich in einer kleinen Siedlung und verließ sich einfach auf die hier herrschenden Gewohnheiten, dass einer auf den anderen ein Auge hatte. Lumpi jedenfalls reagierte sofort und biss sich laut knurrend am Hosenbein von Leonies Verfolger fest. Das hörte Leonie, drehte sich um und sah, wie der Mann laut fluchend versuchte, Lumpi abzuschütteln und sein Bein in Richtung Hauswand stieß, damit der kleine Hund dagegen prallen sollte. Das erfüllte Leonie mit einer solchen Wut, dass sie jede Angst vergaß, blitzschnell ein paar Schritte nach hinten machte, mit dem rechten Arm ausholte und dem Mann ihren Ellenbogen mitten ins Gesicht stieß, voller Wucht. Er war viel größer als Leonie, aber durch die Beschäftigung mit dem Hund hielt er seinen Oberkörper und den Kopf leicht nach unten und rechnete auch in keiner Weise mit so einem Angriff dieser zarten Person. Sie verspürte einen ziemlichen Schmerz im Ellenbogen und hörte ein lautes Knacken, was wahrscheinlich die Nase ihres Verfolgers gewesen sein musste. Es war gerade so, wie sie es einmal in einem Fernsehbericht über Selbstverteidigung gesehen hatte. Man sollte den Überraschungsmoment nutzen und durchziehen, ohne Hemmungen. Im gleichen Moment erschienen bereits zwei Nachbarn am Gartentor, wurden voller Entsetzen Zeuge dieses Geschehens und schickten sich an, Leonie zu Hilfe zu eilen.

 

Erster Teil

 

„Alter Schnösel“, schimpfte Schwester Bärbel kaum hörbar vor sich hin, als Chefarzt Doktor Robert Hegewald den Raum verlassen hatte. Bei dem betreffenden Arzt handelte es sich um einen klassischen Wichtigtuer. Die fehlende Fachkompetenz versuchte er durch arrogantes und hochnäsiges Gelaber zu überspielen. Ständig scheuchte er die Schwestern und Assistenzärzte herum und das oft in einem beleidigenden Ton.

„Haben Sie doch Verständnis für den armen Mann“, meinte die junge Patientin Leonie Berger, die die Worte der Schwester trotz des Flüstertons gehört hatte.

„Wie bitte? Armer Mann?“, fragte Schwester Bärbel fassungslos.

„Ja, der leidet sicher sehr“, antwortete die junge Patientin.

„Der leidet? Um Himmels willen, unter was denn nur?“

„Nun, unter fehlendem Sozialverhalten, fehlender Männlichkeit, fehlendem Charme, fehlendem guten Aussehen. Stellen Sie sich vor, Sie würden unter so vielen Entbehrungen leiden, dann wären Sie sicher auch mies drauf.“

„Na, Sie sind mir ja eine“, stellte Schwester Bärbel grinsend fest. „Aber Sie haben vollkommen Recht, man darf den Humor nicht verlieren und schon gar nicht wegen so einem blasierten Würstchen. Wenn es in Wahrheit nicht so traurig wäre, ist der ja auch eine lächerliche Figur. Keiner mag ihn und niemand nimmt ihn richtig ernst. Wie toll dagegen unser alter Chefarzt war, ein Segen von einem Menschen und nun diese Katastrophe von Mediziner“, kopfschüttelnd verließ Schwester Bärbel das Zimmer.

Vor zwei Tagen um diese Zeit dachte Leonie noch, es würde ein ganz gewöhnlicher Tag werden. Sie hätte nicht im Entferntesten ahnen können, dass es der Beginn der dramatischsten Wochen ihres Lebens war. Nun blickte sie gelangweilt auf den Bildschirm des Fernsehers. Draußen war herrlichstes Juniwetter und sie musste drinnen liegen. Sie konnte sich kaum richtig bewegen, nur wenn sie ganz still lag, war es erträglich. Leonie verfolgte vom Bett aus seit einer Stunde das Fernsehbild, die Lautstärke hatte sie auf stumm geschaltet. Zum einen wollte sie ihre Zimmergenossin, die zu schlafen schien, nicht stören und zum anderen hatte sie im Moment kein großes Interesse am aktuellen Fernsehprogramm. Sie lag in einem Krankenzimmer und war dabei, langsam die Geschehnisse der letzten zwei Tage zu verarbeiten.

Gerade wurden Nachrichten gesendet, als das Foto eines zerbeulten Audi A8 die Aufmerksamkeit von Leonie erweckte. Die Worte der Nachrichtensprecherin hatte sie nicht hören können, nun erhöhte sie die Lautstärke, kurz nachdem der Polizeisprecher zu reden begann. Friedemann S., der panikartig den Unfallort zu Fuß verlassen hatte, habe sich einen Tag nach dem Unfall selbst bei der Polizei gemeldet, um die Sache aufzuklären. Er sei auf keinen Fall, wie allgemein vermutet wurde, unter starkem Alkoholeinfluss gefahren, sondern habe plötzlich heftige gesundheitliche Probleme bekommen. Durch diese bedingt, hätte sich der Unfall ereignet. Außerdem hätte Friedemann S. durch den Unfall einen Schock erlitten. Der Schock sowie seine momentane Orientierungslosigkeit hätten zu der angeblichen Flucht vom Unfallort geführt. Diese Angaben wären vom Anwalt und von der Hausärztin des Unfallverursachers inzwischen bestätigt worden.

„Gesundheitliche Probleme? Der Mistkerl war wahrscheinlich voll wie tausend Russen“, schimpfte Leonie empört vor sich hin.

 

Seit vorgestern Mittag lagen die fünfundzwanzigjährige Leonie und eine Dame mittleren Alters in einem Privatkrankenzimmer des St. Marien Krankenhauses von Sonnenthal. Sie waren Opfer des Unfalls, über den soeben im Fernsehen berichtet wurde. …

 

Leseprobe Innenteil

 

… Dann ging sie leise ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht. Das kalte Wasser war eine Wohltat. Obwohl das Licht nicht brannte, war es aufgrund der großen Fenster und der ausgiebigen Außenbeleuchtung des Grundstücks nie völlig dunkel in der Wohnung, zumindest Umrisse konnte man immer erkennen. Als Leonie nun ihr Gesicht vom Waschbecken wieder hob und ihren Kopf im großen Spiegel über dem Waschbecken wahrnahm, blieb ihr vor Schreck fast das Herz stehen. Im Spiegel glaubte sie nicht nur ihren Kopf zu sehen, sondern auch einen noch größeren etwas hinter ihr – eine Bewegung dieses Schattens war wohl der Grund, dass sie das überhaupt registrierte.

Augenblicklich fühlte sie, fast körperlich, eine unbeschreibliche Bedrohung und reflexartig hastete sie aus dem Badezimmer, den Flur entlang, riss panisch die Wohnungstür auf, lief so schnell sie konnte die lange Treppe hinunter und stürzte förmlich aus dem Haus. Nachdem sie noch ein kleines Stück die lange Einfahrt entlanggelaufen war, blieb sie abrupt und völlig außer Atem stehen.

Kopfschüttelnd versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen. Was war das denn jetzt, fragte sie sich. Dann wurde ihr bewusst, dass sie nur mit knappen lila Schlafshorts bekleidet und einem knappen rosa Oberteil mit dem Aufdruck „NIEDLICH“ und in kleinen Buchstaben darunter „kann mich mal am Arsch lecken“ barfuß in der Nacht stand. In diesem Moment hörte sie die schwere Haustür, die langsam von selbst zuging, ins Schloss fallen. „Scheiße“, sagte sie laut vor sich hin. „Prima gemacht Fräulein, und nun?“ Ja, was nun?

Bei Friedemann klingeln kam gar nicht in Frage. Friedemann! Gerade bei dem Gedanken an ihn fiel ihr wieder ein, warum sie nun hier stand. Was war passiert? War ihr die ganze Geschichte zu Kopf gestiegen und sie sah sich nun unterschwelligen Ängsten ausgesetzt? Spielte ihr ihr Unterbewusstsein nun einen Streich oder wollte sie warnen? Ganz konzentriert versuchte sie, sich an jede Sekunde der letzten Minuten zu erinnern. Es ging alles so blitzschnell. Konnte sie sich das nur eingebildet haben? Aber, wenn sie genau nachdachte, hatte sie einen großen Schatten im Spiegel gesehen. Und da sie sich in letzter Zeit nachts, aufgrund der großen Hitze, öfter das Gesicht kalt abwusch und ihre Umrisse dann auch im Spiegel sah, hätte ihr doch längst auffallen müssen, wenn da irgendetwas Harmloses wäre. Dazu kam dieses plötzliche Gefühl von unheimlicher Bedrohung, welches sie jetzt noch nachspüren konnte und bei dem sie trotz der hohen Temperaturen Gänsehaut bekam.

Allmählich fühlte sie, wie sich die scharfen Kanten der weißen Kiesel, die den Wegbelag bildeten, in ihre Fußsohlen bohrten. Rasch begab sie sich auf den Rasen. Was für ein angenehmes Gefühl für ihre Füße.

Nun, erst einmal musste sie wieder ins Haus gelangen. Sie erinnerte sich, dass sie für den Notfall – und ein solcher schien ja jetzt wirklich eingetreten zu sein – einen Schlüssel bei Olli hinterlegt hatte.

Glücklicherweise wohnte dieser gleich im Haus nebenan, gemeinsam mit seinen Eltern. Aber er hatte in dem ebenfalls sehr großen Haus, es gehörte auch zu diesem Villenviertel, seine eigene Wohnung.

In ihrem Aufzug konnte Leonie schlecht an der Haustür klingeln und riskieren, dass ein Elternteil von Olli die Tür öffnete. Was sollte sie sagen? Sie wäre nachts vor ihrem eigenen Spiegelbild oder einem fremden Schatten erschrocken und hätte fluchtartig, halb nackt, das Haus verlassen...

Leonie schlich sich ans Haus und blieb vor Ollis Schlafzimmer stehen. Dort war noch ein Licht zu sehen, dezente Beleuchtung, sicher hatte er Damenbesuch. Darauf konnte sie jetzt allerdings keine Rücksicht nehmen.

Sie suchte nach kleinen Steinchen und warf sie ans Fenster, da dieses zu hoch war, um an die Scheibe klopfen zu können. Eins, zwei, drei Steinchen, sie nahm immer größere. Erst nach dem sechsten Wurf ließ sich Olli am Fenster blicken, nur ein Laken um die Hüfte geschwungen. Hatte Leonie doch richtig vermutet: Damenbesuch.

Er öffnete das Fenster und staunte nicht schlecht über den Anblick der davor wartenden Leonie. Aber augenblicklich begriff er, dass etwas nicht stimmen konnte: „Kleines, was ist denn passiert?“

Leonie gab eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse und bat ihn, ihr ihren Hausschlüssel zu geben und sie vielleicht auch besser zu begleiten, falls das in dieser Situation nicht zu viel verlangt war.

Olli bat sich ein paar Minuten aus, da er auch dafür sorgen musste, dass sein Besuch genügend Zeit hatte, sich anzukleiden.

Als er und seine weibliche Begleitung aus dem Haus traten, versteckte sich Leonie hinter einem dichten Busch.

„Aber warum kann ich denn nicht auf dich warten? Ich habe meinem Mann erzählt, dass ich bei einer Freundin übernachte. Vor morgen Vormittag brauche ich nicht zu Hause sein“, redete Ollis Besucherin auf ihn ein.

„Dann sagst du eben, du hättest dich mit deiner Freundin gestritten und möchtest nun nicht mehr bei ihr schlafen“, antwortete er freundlich und schob die Frau in ihren Wagen. „Ich muss mich um einen Notfall kümmern, tut mir leid.“

„Warum hast du sie nicht bei dir warten lassen?“, fragte nun auch Leonie.

„Bist du noch ganz bei Trost? Ich kenne diese Frau nicht. Wenn ich wiederkomme, fehlt mir vielleicht meine halbe Habe. Und was soll ich dann machen? Zu ihrem Ehemann gehen und mich beschweren, dass seine Frau mich beklaut hat, als ich sie bei unserem Schäferstündchen allein gelassen habe?“

Bei diesem Gedanken musste Leonie lächeln. Aber in Ollis Wohnung befanden sich wirklich eine Menge wertvoller Sachen. Sämtliche Räume waren regelrecht vollgestopft mit moderner Technik. Dazu sammelte er allen möglichen kostbaren Krempel, wie seltene Halbedelsteine, Münzen und antike Bücher sowie Skulpturen. Er hatte ein Faible für außergewöhnliche Dinge, am besten sehr alte Dinge. Wenn nicht jemand gleich die ganze Wohnung ausräumte, würde er wahrscheinlich nicht mal sofort bemerken, dass etwas fehlte. Insoweit verstand Leonie ihn und würde auch keine fremden Leute in dieser Wohnung lassen.

„Tut mir leid, dass ich dich dort weggeholt habe“, entschuldigte sich Leonie, während sie zu ihrem Haus gingen.

„Runter geholt wäre wohl die korrektere Bezeichnung“, entgegnete Olli lächelnd. „Aber nachdem halbe Felsbrocken gegen die Scheibe geprallt sind, musste ich ja mal nachsehen.“

„So genau wollte ich es wirklich nicht wissen“, antwortete Leonie. „Ich sagte doch schon, dass es mir leidtut.“

„Ups.“ Der Hausschlüssel, den Olli in Eile in seine Hosentasche gestopft hatte, war rausgerutscht und ins Gras gefallen. „Autsch.“ Als Olli sich nach dem Schlüssel bückte, stöhnte er mehrmals.

„Was ist los? Immer noch dein Rücken?“

„Ja, verdammt.“ Mühevoll richtete sich Olli auf.

„Tja, wie sagt der Volksmund so schön: Wenn es hinten weh tut, sollte man vorne aufhören“, witzelte Leonie.

Olli seufzte und verdrehte genervt die Augen. „Und, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“

„Ja, an den alten Weisheiten ist unbedingt was dran“, gab Leonie gewichtig zurück und grinste dabei.

Nun musste auch Olli grinsen, als er Leonie ansah. Freundschaftlich legte er den Arm um sie: „Na, meine kleine Geschäftspartnerin? Ist das nicht lustig, wie wir beide hier halb nackt – er war nur mit einer kurzen Sporthose bekleidet – durch die Nacht spazieren und nun das Gespenst jagen gehen, das du gesehen hast.“

Leonie schüttelte mit dem Kopf, so als könnte sie es selbst nicht glauben. „Vielleicht fange ich wirklich an, am Rad zu drehen. Diese viele Freizeit und die Suche nach Heidi, es ist alles so ungewohnt.“

„Wenn du vorhin wirklich jemanden, also seinen Schatten in deinem Spiegel gesehen hast, hätte dann nicht dein kleines Raubtier angeschlagen? Vielleicht hast du vorher nur schlecht geträumt, es aber vergessen und dann spielte dir dein Unterbewusstsein einen Streich.“

„Daran habe ich auch schon gedacht. Oh, wäre mir das peinlich. Du weißt doch, dass ich nicht hysterisch bin. Oder?“, fragte Leonie etwas verunsichert. „Außerdem hast du wahrscheinlich Recht, Lumpi hätte bei einem Eindringling sicher gebellt. Aber ich habe nichts gehört. Der Kleine muss fest geschlafen haben.“

Leonie schlug mit der Hand nach einem Insekt, das um sie herumschwirrte, um zum Stechen anzusetzen. „Ach, weißt du übrigens, was heute passiert ist?“ Nun berichtete sie Olli von ihrem missglückten Versuch, in Friedemanns Arbeitszimmer einzudringen, von dem Fund der künstlichen Spinnen und vom Streit mit ihrem Onkel.

Erstaunt hörte Olli zu, rieb sich nachdenklich die Stirn und meinte nach kurzem Schweigen: „Die Sache nimmt ja Ausmaße an. Ich kann dir eigentlich nur eins raten. Schmeiß ihn raus. Es ist dein Haus.“ Damit hatte Olli auch vollkommen Recht. Die Villa gehörte, laut Testament ihrer Großmutter, Leonie. Nicht einmal ein Wohnrecht wurde Friedemann im Testament eingeräumt. Dafür erbte er ein kleines, aber hochmodernes Stadthaus am Rande von Frankfurt. Außerdem besaß er noch eine großzügige Stadtwohnung in Sonnenthal, die er allerdings kaum nutzte.

Inzwischen waren die beiden am Haus angelangt, schlossen die Haustür auf und gingen hinauf in Leonies Wohnung. Die Tür zum Eingangsbereich ihrer Wohnung stand noch offen. Leonie betätigte den Lichtschalter und sah Lumpi schlafend am Boden liegen, aber nicht in seinem Körbchen. Sie stutzte.

„Siehst du, Hektor – so nannte Olli den kleinen Hund oft spaßeshalber – schläft friedlich. In seinem Körbchen ist es ihm wohl zu warm, was? Dass er sich mitten ins Zimmer legt?“

Leonie wusste jetzt mit Sicherheit, dass etwas nicht stimmte. Lumpi schlief nie so fest, dass er sie nicht begrüßen würde und nicht in dieser Stellung und außerhalb seines Körbchens. Aufgewühlt kniete sie sich vor Lumpi hin, streichelte ihn, versuchte ihn zu wecken, aber er reagerte nicht. Seine Atmung war nur ganz flach. Nun wurde Leonie von Panik erfasst. Sie begann vor Aufregung fast zu zittern. „Ich habe mir das alles nicht eingebildet. Jemand muss hier gewesen sein und Lumpi wurde wahrscheinlich vergiftet. Warum sonst liegt er jetzt bewusstlos da?“ Hilflos schaute sie zu Olli.

Nun war auch Olli von der Situation überzeugt, schnappte sich aus der Garderobe einen gusseisernen, sehr langen Schuhanzieher und durchsuchte alle Räume. „Niemand mehr hier.“

„Wir müssen zum Tierarzt. So schnell wie möglich“, schrie Leonie, ließ Lumpi kurz los, rannte ins Schlafzimmer, zog sich eine Jeans über, nahm den kleinen Vierbeiner auf den Arm und eilte zur Tür.

„Wo sind deine Autoschlüssel? Ich fahre dich.“

Auf der Fahrt zum Tierarzt lag Lumpi schlaff auf Leonies Schoss. Sie spürte seine Wärme und streichelte zärtlich über seinen Kopf. „Halte durch mein Kleiner. Gleich bekommst du Hilfe.“

In diesem Moment empfand Leonie ihre ungewöhnlich starke Verbundenheit zu diesem kleinen Wesen noch stärker als sonst.

„Meinst du, dass in der Tierarztpraxis jetzt mitten in der Nacht jemand zu erreichen ist?“, fragte Olli.

„An der Tür steht die Notrufnummer oder Handynummer vom Tierarzt, für Notfälle“, wusste Leonie. …